
Roman über eine Arbeiterfamilie in der Zeit von 1910 bis 1980, die Anfang letzten Jahrhunderts aus dem Westerwald nach Köln in die dortige neue Humboldt-Siedlung in Deutz zog. Ein eindrucksvolles Genrebild aus vergangener Zeit.
ISBN 978-3-939973-11-9
erschienen am 15. September 2010 im alcorde Verlag 19,80 €
erhältlich in allen Buchhandlungen , bei den Internetanbietern oder direkt beim Verlag:
Hier der Anfang des Romans "Thea":
2007
Gedankenverloren saß die alte Dame in ihrem Ledersessel, in dem sie nahezu den ganzen Tag verbracht und ihre Gäste empfangen hatte. Schön war dieser Tag gewesen, richtig schön, aber auch anstrengend. Das musste wohl so sein, wenn man immer älter wurde, jede und jeden überlebt und mehr Erinnerungen hatte als alle diejenigen zusammen, die sie besuchen kamen.
Achtundachtzig Jahre war sie heute geworden, kaum glauben konnte sie es. Achtundachtzig, das war eine lange Zeit, in der vieles geschehen war, sich verändert hatte, Menschen vorübergezogen waren. Und gegangen waren sie, die Menschen, die ihren Weg begleitet hatten, gegangen für immer. Nur sie, sie lebte noch, nahm Anteil an den Geschichten der Jüngeren, lachte mit ihnen und lebte doch in einer ganz anderen Welt, einer Welt, die diese nicht kannten und nie kennen würden. Manchmal sagten sie: „Erzähl mal, Tante Thea!“, aber dann sah sie doch, wenn sie erzählte, dass die Gedanken der anderen abschweiften, dass die Gegenwart sie gefangen nahm und ihre Kräfte absorbierte. Dann schwieg sie, nie vorwurfsvoll, wusste sie doch, dass die Erinnerungen nur ihr gehörten, nur ihr wichtig waren, ihr Kraft gaben für die Zeit, die noch vor ihr lag.
Sie seufzte ein wenig und erhob sich mühsam, wobei sie sich auf der Sessellehne abstützte, denn das Aufstehen fiel ihr schwer. Neben ihr lehnte der Stock, ohne den sie schon lange nicht mehr gehen konnte. Die Sicherheit, die er ihr gab, wollte sie nicht mehr entbehren. Auf ihn gestützt ging sie die wenigen Schritte bis in ihre Küche, um sich ein Glas Tee zu holen. Dort sah sie sich um. Alles war aufgeräumt, nichts mehr erinnerte an das Durcheinander des Tages, das bereits um 11 Uhr mit dem Besuch des Pfarrers begonnen und um 18 Uhr mit dem Abschied ihrer Tochter geendet hatte. Alles Geschirr war gespült worden, denn zu einer Spülmaschine hatte sie sich bisher nicht durchringen können – „es wird sauberer, wenn man mit der Hand spült“, daran glaubte sie fest, und dann musste man sich auch nicht mehr umgewöhnen. Der Rest des Kuchens war im Kühlschrank verstaut, wie sie feststellte, als sie hineinschaute, und der Fußboden war geputzt. Ihre Tochter war ein Goldstück. Sie ließ sie nicht im Stich, auch wenn sie ihr eigenes Leben führte. Das musste ja auch so sein, die Jungen müssen ihren Weg gehen, ja, das müssen sie, auch wenn es manchmal schwer und der Weg unverständlich war.
Kurz durchzuckte sie der Gedanke, dass es mit ihrer Tochter nicht immer so gewesen war, so harmonisch und mühelos wie heute, so herzlich, ganz so wie zwischen Mutter und Kind, die einander fast Freundinnen sind. Freundinnen – wann war das, als sie geglaubt hatte, die Tochter hasse sie? Bitter waren alle diese Jahre gewesen, eine so lange Zeit … Ach nein, daran wollte sie heute nicht denken! Vorbei! Nur das Schöne sollte wiederkehren, nur dieses, und sie deckte das Unbehagen, das in ihr aufgestiegen war, durch Normalität zu: Dort lag ein kleiner Papierschnipsel auf dem Boden, unbemerkt heruntergefallen, zu dem bückte sie sich schwerfällig, den Stock zu Hilfe nehmend. Es wäre ihr nie eingefallen, ihn dort liegen zu lassen, bis ihre Haushaltshilfe morgen früh kam. Sie hatte es sich abringen müssen, dass diese Hilfe kam. Bis vor wenigen Jahren hatte sie alles noch allein gemacht, aber das war ihr dann doch sehr mühselig geworden, und nun war sie auch froh darüber, dass sie ein Stück Verantwortung hatte abgeben können.
Endlich hatte sie es geschafft, das Papier von dem Linoleumboden aufzuheben und in den Mülleimer zu werfen. Das Linoleum hatte ihre Tochter schon lange ersetzen wollen durch etwas Moderneres, Laminat vielleicht oder einen dieser pflegeleichten Kunststoffböden. Aber dagegen hatte sie sich dann doch heftig gewehrt. Den Küchenboden hatte ihr Mann gelegt, vor vielen
Jahren, ihnen beiden hatte das Stahlblau so gut zu der hellen Einbauküche gefallen. Und das Linoleum würde sie überleben, da war sie ganz sicher.
...

Der Roman erzählt die Geschichte eines unehelich geborenen Mädchens, das nach dem Kriegsende in einer katholisch geprägten Umwelt aufwächst und sehr bald deren Vorbehalte schmerzlich erfährt, was durch den Besuch einer Klosterschule verstärkt wird. Die sich daraus entwickelnden Schuldgefühle versucht es durch Leistung zu kompensieren. Vorbild auf diesem Weg voller Demütigungen und Selbstverleugnung ist die Mutter, die ihren "Fehltritt" durch übertriebenen Ehrgeiz zu kompensieren versucht.
Spannend, atmosphärisch sehr dicht, Betroffenheit auslösend, aber auch humorvoll wird diese Geschichte erzählt.
ISBN 978-3-8372-0000-3
€ 9,90
Das Buch kann in jeder Buchhandlung bestellt, aber auch im Internet bezogen werden.
Der Anfang des Romans "Ich will Erzbischof werden":
1. Kapitel
Das Baby
Eigentlich sollte es im Krankenhaus der Kreisstadt geboren werden. Frühzeitig hatte sich die Mutter, als sie die Wehen spürte, auf den Weg gemacht. Da es Krieg war, musste sie ihn zu Fuß bewältigen und so war sie rechtzeitig aufgebrochen, nur begleitet von einem alten Onkel, der ihren Koffer hielt und dafür Sorge tragen sollte, dass sie das Krankenhaus erreichte.
Hier, in diesem entlegenen Winkel, war der Krieg weit entfernt und man fand genügend zu essen und fühlte sich sicher. Das war der Grund, warum die Mutter mit ihrer Mutter in deren elterliches Haus gegangen war, die geliebte Großstadt verlassen hatte, um hier in vermeintlicher Ruhe die Geburt ihres ersten Kindes und den Krieg abzuwarten.
Hier kannten sie alle, hier wussten alle, was ihr widerfahren war, dass sie dieses Kind trug ohne einen Ehemann, ohne den Ring am Finger, der ihr die Sünde genommen hätte.
Nun war die Zeit gekommen, sich auf den Weg zu machen und dieses Kind zu gebären. Bisher hatte sie sich hier sicher gefühlt vor dem Krieg, gemeinsam mit all den alten Verwandten, die das Haus füllten und ihr – so glaubte sie – auf den wachsenden Bauch starrten. Dennoch - vor dem Krieg hatte sie sich sicher gefühlt!
Die Mutter und der Onkel waren noch nicht weit gekommen auf ihrem Weg über den Berg, als sie plötzlich ein Sausen, dann ein Heulen hörten, das sich näherte.
„In den Graben“, konnte der alte Onkel noch schreien, ehe er sie packte und mit sich zur Erde riss. Der Koffer blieb auf dem Weg liegen, sie beide pressten sich aneinander in dem engen Graben, die Hände an den Kopf gedrückt, um sich zu schützen vor der Angst und dem höllischen Lärm, den die Mutter aus der Großstadt kannte. Nacht für Nacht war sie vor ihm in den Keller geflüchtet, als sie noch in der Stadt lebte.
„Jetzt kommen die Bomben“, flüsterte sie gepresst, „jetzt kommen gleich die Bomben.“ Und schon hörten sie, etwas entfernter, jenseits des Waldes eine Bombe niedergehen, ein Geräusch, von dem sie sich hier befreit geglaubt hatten.
„Wir müssen zurück“, sagte der Onkel, half ihr aus dem Graben, packte erneut den Koffer und führte sie, sie vorsichtig am Ellenbogen fassend, zurück in das überfüllte Haus mit all den alten Verwandten.
Und hier musste sie nun ihr Kind gebären, in der Aufregung über die Flieger und den Bombenabwurf, der Angst, sie kämen zurück, der Enge, in der sie seit Monaten lebten, und dem Unbehagen, das sie inmitten dieser Menschen spürte, von denen sie annahm, sie würfen ihr das Ungeborene vor. Auch hier war sie nicht sicher vor dem Krieg, das wusste sie nun.
Da man fürchtete, dass die Flieger zurückkamen, eilte man sich, ihr im Stall des Hauses, in dem keine Tiere mehr standen, ein Lager zurechtzumachen, auf dem sie entbinden konnte. Ihre Mutter und eine alte Tante standen ihr bei. Und während sie nun wartete, erinnerte sie sich der schönen Zeit ihrer ersten Liebe, der Leidenschaft des Soldaten, der an die Front zurück musste, sie erinnerte sich dieser wenigen sonnigen Tage, in denen sie sich frei und ganz jung gefühlt hatte. So verliebt – und kein Krieg spürbar, vergessen, vergessen für diese kurze Zeit!
In der Dämmerung dieses Märzabends neun Monate später gebar sie ihr erstes und einziges Kind, eine Tochter, der sie nie den ersten Platz in ihrem Leben geben konnte. Das schaffte sie nie – dafür hatten zu viele auf ihren Bauch gestarrt.
.......
Einen dritten Roman mit dem Arbeitstitel "Die Drei" habe ich abgeschlossen.
Hier der Anfang dieses Romans:
Es war wie immer, ihr ganzes Leben lang. Nach einer längeren Zeit hatten sie sich wieder einmal bei der Mittleren getroffen, miteinander Kaffee getrunken, ein wenig geplaudert und waren dann in die Werkstatt gegangen. Das taten sie gewöhnlich, wenn sie einander sahen. Und dabei taten sie alles, die gefährlichen Themen auszuklammern. Vorsichtig, abwartend, fast ein wenig lauernd waren sie miteinander umgegangen, mögliche Untiefen mieden sie. Sie kannten sie ja, sie kannten sie ja so gut nach all den Jahren, die sie nun schon Schwestern waren!
Und doch, dort in der Werkstatt war es wieder geschehen, heute, trotz der Mühe, die sie sich gegeben hatten! Sie standen vor einer der kleinen Kommoden aus Rosenholz, braunrot, auf schlanken Beinen, auf die die Mittlere sich spezialisiert hatte. Nachdem sie sie aufmerksam gemusterte hatte, zog die Ältere eine der kleinen Schubladen auf und schloss sie wieder, mehrere Male, kämpfte scheinbar gegen einen Widerstand an. Die Jüngste stand mit geschlossenen Augen da, lächelte verträumt und strich mit der Hand leicht über die Glätte des Holzes.
Und da war es geschehen, genau in diesem Moment, ohne dass eine von ihnen hinterher hätte sagen können, wer das erste falsche Wort gesagt oder wie es angefangen hatte. Es war wie immer. Nun gab ein Wort das andere, schonungslos, man kannte die Wunden der anderen, man wusste, wo man zustoßen konnte. Und es ging um die Mutter, immer ging es um die Mutter, um die Schwächen, die Versäumnisse, die Lieblosigkeiten. Nur sie allein habe sich um die Mutter gesorgt, als diese krank und hilfsbedürftig gewesen sei, beklagte die Älteste mit der klirrenden Stimme, die die beiden anderen zu hassen gelernt hatten. Jeden Tag sei sie zu ihr gegangen, wirklich jeden Tag, bekräftigte sie, indem sie mit der rechten Hand dreimal auf die kleine Kommode schlug, so dass die Jüngste, deren Finger immer noch über das Holz strichen, erschrocken hoch fuhr. Sie habe der Mutter in der Wohnung geholfen, geputzt, aufgeräumt, das Bett aufgeschlagen. Das Essen habe sie ihr gerichtet, gewärmt, darauf geachtet, dass die Mutter es zu sich nahm. Aber das, das sei ja der Mittleren ganz gleichgültig gewesen, die habe sich „in der Welt rumgetrieben“, immer habe sie das gemacht, schon als ganz kleines Kind! „Abgehauen“ sei sie, damals als der Vater...“ immer abgehauen“. „Ich bin ja die einzige, die sich gekümmert hat“ – das waren die Worte, die die jüngere Schwester seit vielen Jahrzehnten in den Angriff trieben. Wütend strich sie sich das immer noch blonde Haar zurück, trat einen Schritt auf die Älteste zu, und: „Du... du“, keifte sie nun los, als müsse sie noch überlegen, wie sie die andere treffen könne, obwohl sie das doch seit Jahren geübt hatte. Das sei der Mutter alles viel zuviel gewesen, „das Getue“, damals. Bei ihr, der Mittleren, habe die sich immer beklagt, heimlich, weil man ja mit der Schwester „nicht reden“ könne. Nie dürfe sie tun, was sie wolle, habe sie gesagt. Immer müssten alle „nach deiner Pfeife tanzen“, warf sie der Älteren nun vor, heftig, unerbittlich. Ob sie vergessen habe, wie wohl sich die Mutter immer bei ihr, der Rumtreiberin, gefühlt habe? Jawohl, ganz zufrieden habe sie bei ihr an dem großen Terrassenfenster in dem hohen Lehnstuhl gesessen, ruhig, stillvergnügt habe sie die pickenden Vögelchen beobachtet und sich gefreut, dass sie ihren Frieden habe. Oder damals, als „die Kleine“ ihren Hörsturz gehabt und sich nach Bayern „abgesetzt“ habe, wer sei denn da bereit gewesen, die Mutter bei sich aufzunehmen, wochenlang?
Und damit war auch die Jüngste ins Visier der Vorwürfe geraten. Aufgeschreckt starrte sie mit ihren grünen Augen, die so an diejenigen des Vaters erinnerten, die Schwestern an, die plötzlich zusammen gerückt waren und eine Front gegen sie bildeten. Sie wich einen Schritt zurück, duckte sich leicht und lehnte sich gegen die Wand, als könne sie nur so Halt finden vor den Vorwürfen, die nun auf sie einprasselten und die sie so gut kannte. Briefe habe man ihr schreiben müssen, immer wieder, an ihre Pflicht als Tochter habe man sie erinnern müssen, oft, „herbei zerren“, sonst wäre sie niemals zurück gekommen, hielt man ihr vor. „Aber“ ... und da stiegen ihr bereits die Tränen in die Augen und rollten wie bei einem Kind langsam die Wangen herab, ohne dass sie versucht hätte, sie abzuwischen, „aber...ich war doch auch krank...“, versuchte sie sich mit schwankender Stimme zu verteidigen. „Du wurdest gebraucht!“, schmetterte ihr die Älteste entgegen, jedes Wort deutlich einzeln artikulierend, ein dreimaliger Peitschenknall, der jedes Aufbegehren im Keim erstickte.
Man habe sich ja dann abwechselnd gekümmert, versuchte die Mittlere zu begütigen, zu spät. Es war zu spät, denn nun drang alles nach oben, was sie sonst so sorgsam unter Verschluss zu halten versuchten, wie immer. Alle Ungerechtigkeiten, Verletzungen und vermeintlichen Verfehlungen von über sechzig Jahren warfen sie einander vor, unnachsichtig, heftig, gnadenlos, bis die Jüngste die Hände vor die Augen schlug, laut aufschluchzte und aus der Werkstatt auf die Toilette im Flur stürmte. Die beiden anderen verstummten, atmeten schwer und starrten hinter ihr her, aber keine von ihnen konnte sich entscheiden, ihr nachzugehen und beizustehen. „Jetzt kotzt sie wieder“, dachte die Älteste ohne Mitleid, „immer hat sie gekotzt, wenn’s eng wurde.“ Die Mittlere schwieg, blickte erst kurz die Schwester an, dann auf ihre Hände, entfernte ein wenig Dreck unter dem Daumennagel und schämte sich ein wenig. Sie schämte sich, weil es ihr wieder einmal nicht gelungen war, die Zuspitzung zu verhindern. Aber auch sie blieb wie die Älteste an dem Platz stehen, an dem sie dieser vorgeworfen hatte, man habe ihr ja nie etwas recht machen können. Und überhaupt, es sei doch sie gewesen, die die Mutter nicht habe gehen lassen wollen, als diese endlich – endlich! – habe sterben können. Da sei sie doch zum Arzt gerannt, damit der sie wieder belebe, sie! „Du kannst einfach nicht loslassen, nie, nichts!“
Und in diesem Augenblick war „die Kleine“, die diese Szene damals im Krankenhaus miterlebt hatte, nicht sie, die Mittlere, zusammen gebrochen und raus gelaufen.
Die Ältere schaute sie an, lange, ohne den Blick zu senken, griff dann ohne ein weiteres Wort nach ihrer winzigen Tasche an der Goldkette, streifte sich langsam, betont, die hellbraunen Lederhandschuhe über, rückte den gleichfarbigen Gürtel über der hellen Kostümjacke zurecht, straffte sich und verließ aufrecht, ohne nur ein wenig auf ihren hohen Absätzen zu schwanken, das Schlachtfeld, ja, das Schlachtfeld, denn ein solches war die Werkstatt geworden. Die Tür knallte laut hinter ihr ins Schloss.
Die Mittlere blickte ihr nach, hilflos, schuldbewusst und zornig zugleich, griff dann gedankenverloren zum Hobel, streifte sich rasch den grauen Arbeitskittel über und ging zu der Werkbank vor dem Fenster. Mit einer raschen Bewegung fegte sie das Sägemehl, das dort lag, zur Erde und schien dann konzentriert die Maserung des vor ihr liegenden Holzes zu betrachten. Dabei aber horchte sie angestrengt in den Flur, wo sie das nervöse Hüsteln ihrer jüngeren Schwester hörte. Sollte sie ...?
Aber dann konnte sie sich doch nicht überwinden, sondern blieb vor der Werkbank stehen. Durch das Fenster sah sie, wie „die Kleine“, kleiner als die beiden anderen und etwas stämmiger, die langen grauen Haare unordentlich am Hinterkopf zusammengezurrt, mit hängenden Schultern langsam und zögernd das Grundstück verließ. In weitem Abstand folgte sie der Ältesten, obwohl die beiden doch den gleichen Weg gehabt hätten. Immer noch wohnten sie in unmittelbarer Nähe zu der alten Familienwohnung. Nur sie war weg gegangen von dort, lange schon, und lebte nun mit ihrer Familie auf der anderen Seite des Flusses.
Es war wie immer gewesen.
1. Teil: die Kinder
Ihr ganzes Leben lang hatte sie das Gefühl verfolgt, ihre glücklichste Zeit sei an jenem Januartag des Jahres 1943 zu Ende gewesen, an dem ihre kleine Schwester geboren worden war. Fünfzehn Monate war sie damals alt gewesen, sie Helga, Hella genannt, Mamas kleiner Liebling und Papas Stinkeprinzesschen, wie er immer lachend sagte, wenn er an ihren Windeln roch und sie dabei kitzelte, bis sie vor Vergnügen kreischte. Und nun lag da plötzlich dieses Baby in der alten Wiege, die man in Frohnhausen von dem Dachboden geholt und in dem Zimmer aufgestellt hatte, in dem sie mit ihrer Mutter untergekommen war. Das sei ihre kleine Schwester, sagte man ihr, ob sie sich freue. Sie sei nun „die Große“ und müsse gut auf die Kleine aufpassen, denn die könne noch gar nichts, sie aber schon so viel.
Mit gerunzelter Stirn, den Daumen fest im Mund, starrte Hella vom Arm ihrer Tante auf das glatzköpfige Etwas hinunter, das von irgendwoher gekommen und von irgendwem in diese Wiege gelegt worden war. Ein zum Schreien verzogener riesiger Mund, fest zusammen gekniffene Augen und zwei wild herum fuchtelnde Fäustchen, das war alles, und zu so etwas sollte sie lieb sein! Warum denn? „Das da“ hatte ihrer aller Leben genügend in Unruhe versetzt, das hatte – so klein sie auch noch war – Hella ganz instinktiv verstanden.
Die Mutter hatte ihr erzählt, dass sie bald „ein Geschwisterchen“ bekommen würde, und dabei hatte sie still gelächelt oder den Vater angestrahlt und immer ihre Hand wie beschützend vor ihren Bauch gehalten. Vorsichtig solle Hella sein, den Bauch dürfe sie nicht treten, da sei doch das Geschwisterchen drin! Dann jedoch hatte der Vater sie immer hoch in die Luft gehoben und im Kreise gedreht, und dann war sie wieder die Stinkeprinzessin, der kleine Liebling.
Aber zwei Monate, ehe die Mutter niederkommen sollte, hatten die Eltern beschlossen, dass es zu gefährlich sei, in Köln zu bleiben. Die Luftangriffe häuften sich, mitunter musste man mehrmals wöchentlich in den Luftschutzbunker, und in den Häuserfronten ihres Viertels in Köln-Deutz klafften – besonders seit der „Weihnachtsüberraschung“ am 27.12.1941 – zahlreiche Lücken. Johann Winter, der Vater, sorgte sich um seine Frau und das Ungeborene, aber auch um die kleine Helga, die damals, bei dem hundertsten Luftangriff, gerade einmal zwei Monate alt gewesen war. Und so entschied man, dass Trude mit ihrer kleinen Tochter in ihre Heimat fahren sollte, zu ihrer Schwester...
An einem vierten Roman mit dem Arbeitstitel "Vigg" arbeite ich egrade.
Hier der Anfang des Romans:
Mit sechsundachtzig Jahren beschloss sie, Schlagzeug zu lernen, nachdem sie ihre Beerdigung vorbereitet hatte. In dieser Reihenfolge. Ja, das hatte sie wirklich ganz systematisch getan. Vor einigen Monaten hatte sie ihre Nichte angerufen und gefragt: „Kind, kannst du kommen? Ich muss etwas mit dir besprechen.“ ‚Das Kind’, mittlerweile selbst fünfundsechzig Jahre alt, hatte geschluckt, einen Augenblick nach einer Ausrede gesucht und dann zugesagt. Wenn Vigg rief, musste es ernst sein, sie neigte nicht zu dramatischen Auftritten, wie die Mutter sie so hervorragend beherrscht hatte.
Also war sie nach wenigen Tagen, neugierig, aber auch ein wenig besorgt, was Vigg wohl mit ihr zu besprechen habe, aufgebrochen in das Kurbad, in dem die Tante seit weit mehr als zwanzig Jahren lebte. Und dort erfuhr sie, dass es um die letzten Dinge ging. Vigg hatte beschlossen, die Nichte solle ihre Beerdigung mit ihr vorbereiten. Ihr vertraue sie, dass dann alles nach ihren, Viggs, Vorstellungen verlaufe. Völlig überrascht saß Ute auf der Eckbank in der Küche der Tante, rührte unaufhaltsam, ohne es zu bemerken, die Milch in der Kaffeetasse um und starrte auf den Apfelkuchen – „Heferiemchen, die gibt es nur im Nachbarort“. Sie schluckte, holte dann tief Luft und – stimmte zu.
„Was wäre mir auch sonst übrig geblieben?“, überlegte sie auf dem Weg ins Hotel. So eine Bitte konnte man doch nicht abschlagen! Nein, das ging nicht! Aber warum sie? Warum ausgerechnet sie? Es gab doch noch.... aber energisch verbot sie sich weitere Gedanken und versuchte ihren Frust im Fitnessraum abzustrampeln, den sie sonst nie betrat.
Bereits am nächsten Tag traf sie sich mit der Tante – diese hatte keine Zeit vergehen lassen, denn wenn sie sich etwas vornahm, musste es sofort geschehen, wirklich sofort! – vor dem Büro des Bestatters, das die beiden gemeinsam betraten. Freundlich und diskret, wie es sein Profession von ihm verlangte, fragte er nach den Wünschen der Damen und holte dann riesige Fotoalben herbei, als er erfuhr, dass es darum ging, einen „Vorvertrag“ für eine Beerdigung zu machen. Ute fühlte sich überhaupt nicht wohl. Dort hinter einem Vorhang, bemerkte sie mit einem leichten Seitenblick, standen wohl die Särge, bereit zum Aussuchen, schräg vor ihr lag das dicke Album, in dem Vigg interessiert blätterte und die Bilder kommentierte. „Nein, so nicht, das ist mir zu trist“, „Oh je, da kriegen meine Enkel ja Angst!“, „Ja, Blumen um den Sarg herum, das gefällt mir“, und: „Guck mal, Kind, ist das nicht schön?“ schob sie Ute das Album zu, die mit zugeschnürter Kehle ein Bild anstarrte, auf dem um den Sarg herum elegant und gar nicht aufdringlich Blumen drapiert waren, Lilien, wenn sie das aus ihrer Perspektive richtig sehen konnte. „Und was kostet so etwas?“ hörte sie Viggs Stimme, während sie selbst noch damit beschäftigt war, ihr Unbehagen zu beherrschen. „So viel? Nä, dat is Quatsch! Nicht für ne Beerdigung!“, und die Tante zog das Album wieder näher zu sich und blätterte weiter. Irgendwann hatte sie eine Aufnahme gefunden, die ihren Vorstellungen entsprach, und diese zeigte sie der Nichte, indem sie mit dem Finger auf sie klopfte, um ganz sicher zu gehen, dass Ute auch ihren Vorstellungen entsprechend handeln würde. „So soll das sein! Und wat nehmen wir für Blumen?“, wollte sie wissen und ließ sich nur schwer von dieser Frage abbringen, erst durch den Hinweis, man wisse ja gar nicht, in welcher Jahreszeit... „Ach ja“, lachte Vigg, „is ja wahr, dat musst du dann entscheiden!“
So beherzt widmete sie sich jeder Frage, die auftauchte. Musik? Ja. Live? Nä, vom Band! Sie werde eine CD vorbei bringen, Ave Maria gefalle ihr gut. Oder...? Da sei doch der vom Superstar gewesen, der mit der Panflöte, die CD werde sie kaufen und sehen, was am besten sei. „Nit so wat Trauriges, aber doch auch... dem Anlass angemessen.“ Was immer das auch sein mag, dachte die Nichte, die allmählich mit leichtem Amüsement die Tante betrachtete, die auch nach ihrem Ende nichts dem Zufall überlassen wollte. Der Bestatter machte sich eifrig Notizen, kreuzte „Ja“ oder „Nein“ an, ging den Fragebogen, der für diesen Zweck entworfen worden war, mit den beiden durch. Nur als es um die letzte Bekleidung ging, schreckte Vigg zurück. „Dat soll meine Tochter entscheiden...“, sagte sie, und „Gott sei Dank, wenigstens das...“, dachte die Nichte.
Endlich war alles entschieden, was zu entscheiden war. Das Grab werde man sich auf dem Friedhof aussuchen. Ja, man könne getrost eines nehmen, auf dem ein bereits benutzter Grabstein stehe. Das sei eine gute Idee, den alten Namen könne man dann ja abschleifen und den eigenen drauf setzen lassen. Es sei doch „Quatsch“, so viel Geld für einen neuen Stein auszugeben. Zu dem Gärtner müsse man noch gehen, schließlich lebe ja keiner aus der Familie hier, da müsse das Grab in Pflege gegeben werden. „Wer weiß, wie dat sonst aussieht?“ Auch den Sarg wollte Vigg sich nicht ansehen, den suchte sie aus dem Katalog aus, hell, „dat is für die Enkel besser“, befand sie und schaute Ute nach Bestätigung heischend an. Diese nickte nur, sagte dann kurz „Jaja“ und sehnte sich danach, das Büro verlassen zu können. Aber vorher musste noch der Vertrag abgeschlossen werden, deshalb waren sie schließlich hierhin gekommen. Bedächtig ging der Bestatter nun jede Rubrik durch: Namen, geboren wann, wohnhaft, Angehörige und kam schließlich zu dem Familienstand. „Ledig, Verheiratet, Verwitwet, Geschieden“? „Verwitwet“, fiel Vigg ihm ins Wort, „ich bin verwitwet. Mein Mann ist schon lange tot. Er hatte...“ Ute schreckte auf. Verwitwet? Ja, aber.... Das stimmte doch gar nicht! Vigg war doch...., aber dann schluckte sie, was sie sagen wollte, herunter. Na gut, verwitwet, wenn Vigg das so wollte.
Endlich waren alle Fragen geklärt, der Bogen ausgefüllt und unterschrieben, von beiden, darauf hatte die Tante bestanden, und man stand auf, um sich mit einem Händedruck voneinander zu verabschieden. Schon im Herausgehen sagte der Bestatter, er brauche dann noch die Sterbeurkunde ihres Mannes. Da, nun kam es! Ute schaute die Tante gebannt an. Die Sterbeurkunde des Mannes? Ja, woher solle sie die denn...? Ungläubig starrte der Bestatter sie an. Die bekomme man beim Tod des Mannes, versuchte er ihr zu helfen. Beim Tod des Mannes? Aber da sei sie doch... Ute rief sich zur Ordnung. Hier musste sie klärend eingreifen, das hatte sie ja schon länger kommen sehen. Tief holte sie Luft, legte die rechte Hand leicht auf den Unterarm der Tante und sagte ganz vorsichtig: „Du, Vigg, eigentlich bist du doch...“, leichtes Zögern, „.. geschieden, weißt du. Ich weiß, du hast den Onkel Horst immer..., ihr habt euch ja auch immer geliebt, aber... ihr habt euch doch damals scheiden lassen...“ Diskret hatte der Bestatter sich abgewendet, schaute nun auf und sagte: „Also Familienstand geschieden? Dann trage ich das ein.“ Vigg blickte ihn an, wortlos, Ute nickte, und dann verließen beide das Büro und traten auf die Dorfstraße hinaus. Schweigend gingen sie ein paar Schritte, Ute kickte einen kleinen Stein vor sich her, und die Tante schien tief in Gedanken versunken. Plötzlich blieb sie stehen, lächelte leicht, hob die Augen zum Gesicht der Nichte und sagte versonnen und gleichzeitig erstaunt: „Das hatte ich ganz vergessen, dass ich geschieden bin.“
Und nun, ein halbes Jahr später, wollte sie also Schlagzeug spielen lernen. Das hatte sie Ute soeben ganz aufgeregt am Telefon erzählt. Schlagzeug? Ja, da hätte sie immer Spaß dran gehabt, und nun hätte sie es halt mal ausprobiert, und es sei toll. Ausprobiert? Und nun erfuhr Ute, dass Vigg mit einer Freundin beim Kurkonzert gewesen sei, und „die“ hätten endlich einmal „was Schmissigeres“ als sonst gespielt, da hätte es sie in Armen und Beinen „gejuckt“ und sie sei aufgesprungen und hätte sich nach der Musik bewegt. Das kannte Ute gut. Wie oft schon hatte sie sich geschämt, weil Vigg sich so „auffällig“ benahm. Wann immer Musik ertönte, musste sie Tanzschritte machen, und es war ihr völlig gleichgültig, ob das mitten auf der Straße, im Schlosscafé oder eben im Kurpark geschah. Laut lachte sie auf, wenn die Leute sie, wie Ute meinte, entsetzt anschauten, das störte sie nicht. Sie hatte ihren Spaß. Auch noch mit sechsundachtzig, denn so alt war sie vor einigen Monaten geworden. Ja, und nun hatte sie wohl, so hörte die Nichte es heraus, all ihren Aktionen den Höhepunkt hinzu gefügt. Ute war froh, dass sie dabei nicht hatte anwesend sein müssen. Als nämlich der Schlagzeuger die zappelnde Vigg fragte, ob sie Lust hätte, sich an sein Instrument zu setzen, hatte diese keinen Moment nachgedacht, war auf die Bühne in der Orchestermuschel geklettert und hatte losgelegt, angefeuert von den Kurgästen und den anderen Musikern.
Unwillkürlich musste Ute grinsen, wenn sie sich die Tante vorstellte, wie diese das Schlagzeug bearbeitete. Da der Sonntag, an dem dies geschah, sonnig und heiter war, hatte Vigg wohl nur eine ihrer pastellfarbenen Seidenblusen, am liebsten mit einer großen gebundenen Schleife am Hals, und dazu weiße lange Hosen getragen, außerdem weiße „Pömps“, wie sie zu sagen pflegte, und die helle Handtasche war dann wahrscheinlich mit Schwung irgendwo auf dem Podest gelandet. Einen schönen Anblick musste sie geboten haben! Aber... mit sechsundachtzig! Ihre Mutter wäre entsetzt gewesen über die kleine Schwester, das wusste Ute genau, was sie – auch noch mehr als elf Jahre nach dem Tod der Mutter – Viggs Partei ergreifen ließ. „Du bist wie Vigg“, hatte die Mutter immer gesagt, wenn sie unzufrieden mit ihr war, und das war sie oft.
...